Transformationen von Wissenschaft und Technik seit 1800: Inhalte, Prozesse, Institutionen

Analysen der Entwicklung von Wissenschaft und Technik waren lange von der Vorstellung geprägt, dass die Herstellung neuen Wissens im Wesentlichen mit der Formulierung und Verbesserung von Theorien innerhalb von akademischen Disziplinen gleichzusetzen sei. Der Fokus lag auf Theoriendynamik. Neuere Ansätze betonen indes das institutionelle Eigenleben der experimentellen Verfertigung neuen Wissens, die Organisation empirischer Wissenschaft in sogenannten Experimentalsystemen und die Bedeutung materieller Bedingungen der Entstehung des Neuen, etwa Werkstätten, Versuchsanstalten und Entwicklungsabteilungen. Die Science and Technology Studies haben zudem die soziale Konstruiertheit von Technologie, Wissen und Wissenschaft und ihre Situiertheit in Machtverhältnissen erforscht. Dabei wurden die Ko-Produktion gesellschaftlicher und wissenschaftlich/technischer Ordnung und ein Verständnis von Wissenschaft als Praxis ins Zentrum der Analyse gerückt.

Die Debatte über Transformationen in Wissenschaft und Technik ist bis heute nicht abgeschlossen. Ausgehend von der Feststellung, dass die oftmals eingeschränkten Blickrichtungen bisheriger Beschreibungsweisen zwar für sich genommen plausibel sein können, aber der Komplexität der Entwicklung insgesamt nicht gerecht werden, erarbeitet das GRK eine umfassende Sicht der Dynamik von Wissenschaft und Technik. Der vorgeschlagene analytische Rahmen ist multiperspektivisch und graduell. Etablierte Begriffe wie Evolution, Revolution, Stillstand, Bruch und Kontinuität, insbesondere also die Behauptungen extremer Verlaufsformen, werden in ein mehrdimensionales Bild integriert. Hierbei soll geprüft werden, inwiefern Diagnosen von Transformationen selbst Konstruktionen sind, die eine bestimmte Sicht der historischen Realität prägen.

Der Begriff der Transformation wird neu akzentuiert durch den Bezug auf drei fundamentale Dimensionen: Inhalte, Prozesse und Institutionen. Für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik sind diese gleichermaßen relevant und in ihrer historischen Bedingtheit sowie ihrem Zusammenspiel zu begreifen. Um Veränderungen in den einzelnen Dimensionen genauer zu fassen, werden die im Rahmen des Historischen Institutionalismus eingeführten Konzepte Displacement, Layering und Drift erprobt, die mit geeigneten Anpassungen auf alle drei Dimensionen anwendbar sind. Dieses Analysewerkzeug soll in interdisziplinären Einzelstudien angewandt werden, teilweise in Disziplinen verortet - Mathematik (darstellen­de Geometrie und Polytechnika, Strukturmathematik), Physik (String­theorie, Stan­d­ardmodell der Elementarteilchenphysik), Geowissenschaft, Krisen- und Gewaltforschung-, teilweise übergreifende Fragestellungen bearbeitend (Fächerprofile und Disziplinengefüge an Hoch­schulen, historisches Schreiben über Naturwissenschaften und Technik, feministische Standpunkttheorien und ihre normativen Konsequenzen).

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